Indienreise 2020 – 9. und letzter Teil


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Nach meinem Aufenthalt in Koilakuntla folgt auch in diesem Jahr der Besuch der Saint John’s Residential School (SJRS) etwas außerhalb von Anantapur. Der für die Patenschaften zuständige Priester, Fr. Devadas, holt mich ab und wir erreichen meine letzte Station am späten Nachmittag. Ich freue mich schon, unsere Patenkinder wieder zu sehen. Es sind inzwischen nur noch jeweils vier Mädchen und Buben, die die SJRS besuchen. Fast alle von den ursprünglich weiteren 26 sind nach der 10. Klasse auf eine andere weiterführende Schule gewechselt um das Abitur zu machen. Mit etwas Konzentration kann ich alle acht Patenkinder mit Namen begrüßen, obwohl sie mehr oder weniger gewachsen sind. Wir unterhalten uns ausgiebig und machen die obligatorischen Fotos.

Die SJRS wurde von Bishop Johannes Gorantla gegründet, um Kindern aus den ärmsten Familien eine sehr gute Ausbildung zu ermöglichen. Er wurde selbst als Dalit (Kastenloser oder Unberührbarer) geboren und hat am eigenen Leib die bittere Armut kennen gelernt. Um die SJRS besuchen zu dürfen, gibt es eine Aufnahmeprüfung und nur die Besten werden aufgenommen. Die Schule bildet bis zur 10. Klasse aus, was mit unserem Realschulabschluss vergleichbar ist.

Neben der eigentlichen Bildung hat Bishop Johannes, der leider schon 2007 im Alter von nur 55 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist, sehr großen Wert darauf gelegt, dass die Schüler*innen auch mit einem gesunden Selbstvertrauen und -wertgefühl in das Leben entlassen werden. Symbolisch dafür hat er die angeschlossenen Wohnheime mit Betten ausgestattet. Die Schüler*innen schlafen ohne Matratzen ebenso hart wie üblicherweise auf dem Boden, aber sie liegen erhöht und damit entsprechend ihrer Ausbildung über ihren Altersgenossen.

Am Abend zeigen mir auch diese Schüler*innen ihr tänzerisches Talent. Überraschenderweise nicht mit den sonst üblichen religiösen oder Bollywood Songs, sondern mit moderner Musik. Auch hier bin ich beeindruckt von den Choreographien, der Leidenschaft und der großen Freude von den Tänzer*innen bei ihren Darbietungen. 

Am nächsten Morgen ist um 09:00 Uhr „Morgenappell“. Die Schüler*innen versammeln sich vor Unterrichtsbeginn auf dem riesigen Schulhof. Mit Paukenschlägen, gemeinsamem singen und beten beginnt der Schultag. Danach gehen sie in Reih und Glied, fast geräuschlos ins Schulgebäude. Wir folgen ihnen etwas später und besuchen unsere Patenkinder in ihren Klassenzimmern. Anjali und Pramod Roy (beide 10. Klasse) schreiben einen Test und weil die Schüler*innen zu Nahe beieinandersitzen würden, werden die beiden und weitere Mitschüler*innen einfach in den Innenhof ausquartiert und dort geben sie sich große Mühe sehr gute Noten zu erreichen.

Es wird dann schon wieder Zeit Abschied von der SJRS zu nehmen. Auf dem Weg zum Flughafen nach Bengaluru machen wir noch einen Stopp an der Mount Carmel Church in Anantapur. Dort warten zwei jungen Damen im Alter von 17 und 18 Jahren auf mich. Beide werden ebenfalls durch Patenschaften über Asha Varadhi bei ihrer Ausbildung unterstützt und ich habe sie schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen.

P. leidet seit ihrer Kindheit schwer an Diabetes 1. Sie lebt bei ihrer Großmutter, weil ihre Eltern in Hyderabad arbeiten und dort den Lebensunterhalt durch schwere Arbeit auf dem Bau verdienen müssen. P. ist eine hervorragende Schülerin, intelligent und sehr fleißig. Im Schuljahr 2017/2018 hat sie beeindruckende 100 von 100 Punkten erreicht.

M. ist mit ihrer Mama gekommen. Der Vater hat die Familie vor einigen Jahren einfach sitzen lassen und bezahlt auch zumindest für seine Tochter keinen Unterhalt. Auch sie lernt sehr fleißig, weil sie Tierärztin werden möchte.

Es bleibt uns nur eine kurze, aber sehr schöne und interessante Zeit. Die beiden werden vor Ort durch Pragnan, einem Freund von Fr. Joseph Thota, betreut. Er hatte vor, mich zum Flughafen zu bringen. Leider ist ihm etwas dazwischengekommen, aber sein Vater war so freundlich mich auf der gut dreistündigen Fahrt im Taxi zu begleiten. Ich empfand das als sehr feine Geste, da wir uns ja eigentlich nicht kennen und uns vor einigen Jahren nur mal kurz begegnet sind.

Die Heimreise dauerte durch lange Wartezeiten auf den Flughäfen in Bengaluru und Frankfurt sowie Bahnhöfen in Frankfurt und Stuttgart fast 27 Stunden. Eine sehr lange Zeit, die mir aber ach ausreichend Gelegenheit bietet, die vielen Eindrücke und Erlebnisses meiner fast 5-wöchigen Indienreise Revue passieren zu lassen und zu verinnerlichen. Ich bin sehr dankbar, für die vielen schönen Begegnungen und dass alles so gut und problemlos geklappt hat. Im Nachhinein war es auch ein Glücksgriff, dass ich bereits Anfang Januar gereist bin und vor dem Ausbruch der Coronaviren Pandemie wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin.

 
Reiner Schmid

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